Geschwistermord

Es war eine dieser Nächte - dieser herrlich ruhigen Dunkelheit. Sie stand wie immer an diesem Platz - und ließ sich sanft von einer kühlen Brise umwehen. Leise rauschten die Blätter und das Gefühl der absoluten Entspannung überkam sie. Ein Stück weit entfernt stiegen die Nebelgeister aus ihrer irdenen Heimat in den Himmel empor und verströmten einen herrlich würzigen Duft.
Das hektische Treiben des Tages hatte sie hinter sich gelassen und war froh um diesen abseitigen Platz. Keine tobenden Kinder mehr, kein wildes Getobe, kein lautes Geschnatter.
Einfach nur da stehen und die schöne rotgelbe Farbe des Laubes bewundern. - Das schien in diesem Moment ihre Erfüllung. In der Ferne bellte ein Hund und der Bauer hinter der Wiese löschte das letzte Licht. Nun war es endlich gänzlich dunkel hier draußen. Selbst der helle Gevatter Mond hoch oben am Firmament zog sich die Wolkendecke übers Gesicht, löschte das Licht und ging schlafen. Und nachdem der Hund sich offenbar auch aufs Ohr gelegt hatte, flaute schließlich der Wind ab und absolute Ruhe umfing sie.
Wie herrlich diese Zeit doch war, wie wunderbar nach all dem heillosen Durcheinander und dem nervösen, wuseligen Treiben der letzten Monate. - Endlich Ruhe!
Die Brise kehrte nach kurzer Zeit zurück und ließ das Laub leicht vibrieren. - Wie schön.

Doch etwas war anders.

Es war keine Brise.
Das Vibrieren des Laubes steigerte sich zu einem Beben.
Etwas kam auf sie zu.
War es Freund oder Feind?
Wie gerne wäre sie losgelaufen, doch sie stand da wie angewurzelt. - Stocksteif.
Wie ein Orkan stob es hervor und schlug maschinengewehrgleich zu. Schlagartig traf es auf sie, wie ein Feuersturm.
Es schlug ein in sie wie die Kugeln ins Fleisch - und rot rieselte das Leben zu Boden.
„Nein!“ - schrie sie - "Noch nicht! Bitte jetzt noch nicht! Lass mich doch noch!"
Doch der Angreifer hatte kein Erbarmen und schlug rücksichtslos weiter zu.
Sie versuchte, sich mit ihren Armen dem Mörder in den Weg zu stellen, ihn abzuwehren. Doch sie konnte ihn nicht fassen. Er war zu schnell, zu flink - flink wie der Wind.
Ihr Mut schwand mit jedem hinabtropfen roter Lebenskraft. Das Ende war nahe und sie gab sich ihrem Schicksal schließlich kraftlos hin. Es würde passieren - egal was sie tat. Es war ihr vorherbestimmt, war unausweichlich...

Als am nächsten Morgen die Sonne die flauschigen Schäfchenwolken beiseite schob und über den nahen Hügel lugte, bot sich ihr das Bild eines Massakers. Blutrot gefärbt lag der Tatort vor ihr, das Opfer nur noch ein Skelett. Einzig die graubraunen Knochen hatte der Mörder zurück gelassen - das Leben vor den leblosen Füßen verteilt.
Wer konnte solch eine grausame Tat begehen?
Nun - die Nebelgeister wussten was geschehen war. Sie hatten den Täter in Flagranti ertappt. Hatten ihn auf seinem Schimmel davon reiten sehen - wehenden Hauptes.
Auch die Sonne wusste, was geschehen war. Schließlich geschah dies jedes Jahr in diesem Wald. Und nicht nur dort...
Doch warum nur - warum hatte er in diesem Jahr bereits so früh zugeschlagen. - Warum so zeitig schon hatte der Herbst die Blätter der Blutbuche - den Sommer - gemeuchelt?


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