Spät-lesen
Es ist schon spät, der Morgen graut,
nur alte Haare noch erbaut,
fast weiß, wie ein Druidenbart,
im Winde wehen sie so zart.

Falten in des Sonntags-Kleid,
vergangen ist schon sehr viel Zeit.
Vorüber sind die Kindertage,
vorbei auch Fress- und Saufgelage
an Erdenmutters Gabentisch,
wo Essen massig und stets frisch.

Das Alter kommt und der Druide
ist weiser als des Wetters Trübe.
Er weiß nun, was geschehen ist,
in jener Zeit – im Lebenslicht.

Vergangen in der Zeiten Sturm
schlägt bald der letzte Glockenturm…
Zum Heimgang eines Lebens-Jahres…
durchsucht die Zeit! -
Nur dort steckt Wahres!

Steter Tropfen hüllt den Stein
in feuchte, kühle Stille ein.
Und taucht das Land in bunte Farben,
verheilt des Jahres alte Narben.
Der Herbst, er bringt die sanfte Ruh,
der Nebel – er deckt alles zu.
Die Wolken und der kühle Regen,
sie ruhen auf des Lebens Wegen.
Süße Düfte in den Wäldern,
Farben, Stimmen auf den Feldern,
Nebelgeister, Reifgeknister,
Regenklopfen, Blattgeflüster.
Sturmwindreiter, Regenkreise
auf den Seen – Zeitenreise…!

So wartet der Druidenmann
nun auf den Winter, der klopft an
sehr bald ans alte Jahrestor.
Verdeckt den letzten Fleck bevor
es mit dem Jahr zu Ende geht
und Neues vor der Türe steht.
Und dabei denkt er nach – sehr weit –
über das Jahr, über die Zeit.
So ist für ihn auch die Askese,
nur der Gedanken späte Lese...

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