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Selbst bewusst sein

Es ist ein großes Wort, dieses Selbstbewusstsein. Selbstbewusstsein wird heute überall verlangt, der Arbeitgeber möchte Persönlichkeiten, die die Firma nach außen hin selbstbewusst vertreten, der Lehrer wünscht sich Selbstbewusstsein von seinen Schülern, die Eltern von ihren Kindern. Die Gesellschaft propagiert es allgemein und wer nicht selbstbewusst ist, der ist out.
Der Begriff wird nicht selten zusammen mit dem Selbstvertrauen gebraucht. Irgendwie ist das auch richtig. Doch es steckt viel mehr in diesem Wort, als man ihm zugesteht.
Sich seiner selbst bewusst sein ist mehr, als nur in der Bäckerei den Drängler in die Schranken zu weisen und zu sagen: Entschuldigung, aber ich war vor Ihnen! Sicher ist es ein Teil davon, wenn wir wissen, was wir wollen und durch ein gutes Selbstvertrauen auch Grenzen ziehen.
Doch zu wissen, was man wirklich will, ist nicht einfach. Und das dann auch noch umzusetzen ist oft die ganz große Lebenskunst.
Hindernisse stellen sich einem in den Weg, Vorbehalte aus dem persönlichen Umfeld säen Zweifel, Behörden stellen sich quer. Und dann ist da ja auch noch der Mainstream, dem man eigentlich immer folgen sollte. Andernfalls ist man bestenfalls ein komischer Kauz, der gerade so toleriert wird. Oder man ist inakzeptabel anders und rutscht in die Rolle des Außenseiters. Das ist dann auch wieder nicht gut.

Das Idealbild ist, mit Selbstvertrauen das Bild zu vertreten, das einem die Gesellschaft als Idealbild suggeriert und davon nicht allzu sehr abzuweichen.
Doch hat das wirklich etwas damit zu tun, sich seiner Selbst bewusst zu sein? Seinen Wünschen, seinen Zielen, seinen Grenzen und seiner Kraft? Führen wir ein erfülltes Leben, wenn wir es mit den Idealen füllen, die andere uns einreden?
Wer viel arbeitet kann viel kaufen, er kann viel besitzen und kann dadurch am meisten glücklich sein. - Doch ist Besitz wirklich gleich Glück? Wir investieren schließlich das Wertvollste, was uns Menschen zur Verfügung steht, um Geld zu verdienen: Unsere Lebenszeit! Diese kann uns am Ende keiner auf der Welt wiedergeben. Und das ist vielleicht die Zeit, die wir in einer ungeliebten Arbeitsstelle während Überstunden investiert haben, nur um möglichst viel von dem kaufen zu können, was wir in Wirklichkeit gar nicht brauchen.
Wer offen auf Menschen zugeht findet viele Freunde, viele Freunde bedeuten gemeinsame Aktivitäten und Rückhalt, und dies bedeutet auch viel Glück. - Doch was ist eigentlich ein Freund? Das ist doch jemand, der gerne Zeit mit uns verbringt und uns beisteht, wenn wir ihn brauchen? Leisten das diese 157 Facebook-Freunde wirklich? Oder sind es doch nur wenige Menschen, die einem berühren und die man daher als echten Freund bezeichnen würde? Und auch hier gilt: Ein erfülltes Leben ist nicht gleichbedeutend mit einem erfüllten Terminkalender. Wer nach der Arbeit von einem Freizeittermin zum nächsten hetzt, nur um "mit dabei" zu sein, der steuert im Extremfall direkt auf einen "Burn out" zu. Denn neben Anspannung braucht der Mensch auch Entspannung. Und speziell die Selbstreflextion ist es, die das Selbstbewusstsein ausmacht. Uns selbst reflektiert betrachten können wir nur in stillem Wasser, nicht in unruhigem.
Wer viel Selbstvertrauen hat, der wird auch für sein Recht kämpfen, der wird gewinnen, mehr Macht und dadurch mehr Geld besitzen. - Wenn ich mir heute anschaue, wie rücksichtslos Eltern ihre Kinder erziehen, stellen sich mit die Nackenhaare. Zwischen "Selbstvertrauen" und "Egoismus" ist ein großer Unterschied. Und doch scheinen viele Eltern diesen nicht zu kennen. So werden immer mehr rigorose Zeitgenossen geboren, die sich nur für ihr Wohl interessieren, die in der Schule und auf der Arbeitsstelle über Leichen gehen und rücksichtslos ihre Interessen durchboxen. Dadurch können sie ihre Interessen zwar durchsetzen, doch irgendwann stoßen auch sie an ihre Grenzen, treffen auf jemanden, der mit gleichen Mitteln kämpft, gehen unter. Und oft fällt dieser anerzogene Egoismus letztlich auch zurück auf die Eltern. Spätestens dann, wenn sie älter werden, krank und dadurch lästig, wodurch sie im Altenheim landen. Und die Kinder besuchen sie maximal an den Feiertagen, da es ihnen ansonsten ja nichts einbringt. Eine egoistische Gesellschaft ist auf Dauer für niemanden gut.

Dies sind nur drei Beispiele, die dazu anregen sollen, kritisch darüber nachzudenken, was eigentlich das Glücklichsein ausmacht. Und dieses "Glücksgefühl" ist es doch, was wir alle anstreben im Leben. Was macht uns wirklich glücklich? Sind es tatsächlich diese Ideale, die uns täglich kollektiv aufgedrängt werden? - Mein Haus, mein Auto, mein Job, mein neuestes Handy, meine 150 Freunde, mein Einfluss und meine Macht? Oder ist es vielleicht doch dieses kleine Gefühl in unserer Brust, das uns sagt: Das ist es, was ich will, und ich mache es jetzt, ohne mir oder anderen damit zu schaden?

Es tut sehr gut, sich ab und an die Zeit zu nehmen, sich selbst zu reflektieren und sich seiner Selbst bewusst zu werden. Um zu sehen, ob dies der richtige Weg ist, den man eingeschlagen hat. Oftmals sind auch Lebenskrisen, wie Angsterkrankungen, Depressionen und Burn out deutliche Anzeichen, dass etwas schief läuft und man sich seiner Selbst wieder bewusst werden sollte.

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