Wüste Wüste


Schwer trugen die Füße, machten nur kleine Schritte.
Gegenwind! Heiße Luft wehte ihm eiskalt ins Gesicht.
Rundherum türmten sich dünenartige Hindernisse und die Sonne lastete schwer auf seinem Kopf.
Sollte sie doch verschwinden hinter den Wolken, gepackt werden in Nebelwatte – zusammen mit allem anderen, das um ihn herum stand, flog und ging.
Was fiel ihr überhaupt ein dort oben am Himmel zu stehen und zu strahlen? Bei all dem, was hier unten geschah?
Es war der Untergang! Alles vorbei! Jeder Schritt führte weiter ins Verderben, brachte ihn tiefer in die Wüste.
Trockenheit – unendlich! Alles vertrocknet! Keine Chance für Hoffnungspflänzchen. Hier war Wüste! Erbarmungslos! Für jedes Tröpfchen zahlte man einen hohen Preis.
Unbezahlbar!

Ein Blick auf den Wegrand. Scheinbar blühende Landschaften – doch es war nur ein Trugbild! Alles vorbei! Wüste eben! Echte Gewächse für die Reichen, Papierblumen für Arme. Und deren Anzahl nahm zu. Hungernd nach mehr.
Sparsam sein war angesagt – das sagten sie alle. Und sie hatten recht, schaute man sich um.
Begehrt war alles, was frei war. Oder eben leicht zu erstehen. Und das gab es nur in einzelnen Oasen.
Noch erntete er Tag für Tag die Früchte seines Erfolges. Doch sie waren mehr als dürftig und wie lange die Erntezeit für ihn noch andauern würde, stand tatsächlich in den Sternen. Vielen anderen war die Ernte schon zerstört worden und sie lebten mit knurrendem Magen von einer äußerst kleinen Menge.
Dort drüben stand ein solcher – ein Armer, der trotz dürftiger Ernte dazu gezwungen wurde, ein Feld zu bestellen. Heute hier und morgen dort.
Er ging zu ihm und blickte ihm über die Schulter, wie er ein kleines Erdloch grub.
"Eine schlechte Welt, was?", stellte er fest und der am Boden kniende wollte wohl nicht so recht darauf antworten. Zu frustriert erschien er, blickte wie gebannt auf sein Grabwerkzeug.
"Was man nicht alles tun muss, um denen zu gefallen."
Wieder reagierte der Arbeitende nicht.
"Ich verstehe, dass Sie frustriert sind. Ginge mir sicherlich genauso."
Keine Antwort! Der am Boden Kniende griff in eine kleine Kiste und blickte konzentriert auf etwas in seinen Händen.
"Was gibt es denn dort so Interessantes?", fragte der Passant inzwischen etwas gereizt.
Nun blickte der Arbeitende nach oben mit einem Lächeln im Gesicht. Das, was er in Händen hielt, wurde durch eine weiße Folie verdeckt.
"Ich bin hier eingesetzt, um die Landschaft zu verschönern."
"Na, dann sind Sie ja nicht gerade zu beneiden. Was die einem alles zumuten."
"Nein, warum denn? Das ist vollkommen in Ordnung.", entgegnete der Arbeiter und der Passant nickte nur kurz.
"Gut, manchen gefällt die Gartenarbeit. Aber für diesen Lohn."
"Das geht schon!", entgegnete der Arbeiter, doch sein Gesprächspartner unterbrach ihn, ohne seine Reaktion überhaupt zu registrieren.
"Unmenschlich! Einfach nur unmenschlich! Hungerlohn! Und dann auch noch eine Leistung erwarten! Ausbeutung!"
"Na ja, das geht doch eigentlich schon…"
Auch diese Antwort hörte der Passant nicht und sprach weiter.
"Das ist alles so ungerecht! Die Menschen werden immer ärmer und unglücklicher, können sich nichts mehr leisten."
"Ja, das ist alles aber…", begann der Arbeiter und wurde erneut unterbrochen.
"Das sind ja fast schon Verhältnisse wie in Entwicklungsländern!"
"Ach was!", begann der Arbeiter und packte weiter die Pflanze aus der Tüte.
"Sie sind doch bestimmt todunglücklich mit dieser Arbeit?"
"NEIN!", entfuhr es dem Pflanzenden und er entfernte dabei vorsichtig die Folie der Blume.
"Was?", fragte der Passant und es schien, als sei er gerade aus einem Dämmerzustand geweckt worden, so blickte er sich um.
"Nein! Warum sollte ich unglücklich sein?"
Sein Blick wanderte wieder auf die Blume, die er in den Händen hielt – eine mit roter Blüte.
"Na, Sie müssen hier etwas arbeiten, was ihnen nicht gefällt. Das grenzt an Sklaverei!"
"Wer sagt das? Ich pflanze Blumen. Was ist daran schlimm?"
"Die Tätigkeit eben selbst."
"Haben Sie schon einmal Blumen gepflanzt?"
"Nein!"
"Und woher wissen Sie dann, dass das so schlimm ist?"
"Na, ich weiß es eben..."
Der Passant stockte einen Moment lang und dachte nach. Dann fuhr er fort.
"Es geht uns doch immer schlechter. Das merkt doch jeder!"
"Schlechter ja, aber..."
"Wie weit soll es denn noch kommen? Es ist einfach nur unglaublich. Irgendwann sind wir ein Entwicklungsland."
"Warum, wie ist denn ein Entwicklungsland? Waren Sie schon dort?", fragte der Arbeiter.
"Nein…, war ich nicht. Sie sind eben arm – wie auch viele in Deutschland."
Der Arbeiter lächelte und blickte auf die Blume in seinen Händen.
"Das sind ganz andere Verhältnisse dort. Aber die täten uns gut."
"Wie meinen Sie das denn?", fragte der Passant mit verbittertem Ton.
"Die Menschen dort leben das Leben, wie es ist. Sie wissen, dass nicht viel in Sand gedeiht!"
Der Passant wirkte noch immer relativ verwundert.
"Ich verstehe nicht ganz!"
Der am Boden Kniende entfernte den Pflanztopf, drückte auf den Wurzelballen der Blume, setzte sie behutsam in die Erde und bedeckte das Wurzelwerk mit dem feuchten Grund.
"Mit dieser Blume ist es wie mit dem wahren Leben. Alles braucht die Erde zum Wachsen – auch die Hoffnung. Sie keimt nicht im Sand, in dem die Köpfe stecken! Und von der Hoffnung ist es nicht mehr weit, bis zur vollen Blüte."

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